06/29/14

Mit dem Ausbau steigt der Bedarf

ZIRNDORF - Angebot schafft Nachfrage: Das gilt auch für die Betreuung der unter Dreijährigen im Landkreis Fürth. Seit August vergangenen Jahres haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ihres Nachwuchses, sobald der ein Jahr alt ist. Die nötigen Kapazitäten zur Verfügung zu stellen, beschäftigt die Kreis-Kommunen und das Landratsamt seit Jahren. Doch parallel mit dem Ausbau steigt auch der Bedarf. 

Die 2008 angepeilte Zielmarke, für 35 Prozent aller unter Dreijährigen einen Betreuungsplatz zu schaffen, hat der Landkreis längst ad acta gelegt. Jahr für Jahr wurde dieser an Bedarfsermittlungen orientierte Wert angehoben. Inzwischen geht Landrat Matthias Dießl davon aus, „dass wir mittelfristig für 60 bis 65 Prozent der Kinder dieser Altersgruppe Plätze vorhalten müssen“. Schließlich wolle der Landkreis seinem Anspruch, familienfreundlich zu sein, gerecht werden. Dass Paare ihre Familienplanung durchaus von der Betreuungssituation vor Ort abhängig machen, weiß Jugendhilfeplanerin Tabea Höppner von diversen Anfragen. 

Ende dieses Jahres will der Landkreis für 50 Prozent aller „U3“-Kinder Betreuungsplätze vorhalten. Die aktuellsten Zahlen zum Stichtag 31. Dezember 2013 legte die Kreisverwaltung im Jugendhilfe-Ausschuss vor. Damals wurde ein Angebot für 43 Prozent aller Kinder als bedarfsgerecht gewertet, was 1144 Plätzen entsprach. Dieser Bedarf war mit 942 Plätzen in Kindergärten und Krippen sowie 213 Plätzen bei Tagesmüttern, in der Summe also 1155 Plätzen, etwas mehr als gedeckt.

Dass damit die Zielmarke von 43 Prozent um drei Prozent unterschritten wurde, liegt an dem anhaltenden Geburtenanstieg, wovon in den Rathäusern vor Ort nicht ausgegangen worden war. Die Kreisgemeinden hatten 2013 mit 2655 Kindern unter drei Jahren gerechnet, tatsächlich leben 2880 im Landkreis — mit laut Jugendhilfeplanerin Höppner weiterhin steigender Tendenz. Das Problem rückläufiger Geburtenraten plagt den Landkreis nicht. Lange sei die Geburtenrate im Landkreis unter dem bayerischen Schnitt gelegen, jetzt läge sie darüber, so Dießl. „Andere Gebietskörperschaften würden uns darum beneiden.“ Für den Ausbau der Betreuungslandschaft aber bedeute das, „wir müssen am Ball bleiben, das Thema ist nicht abgeschlossen“, so Höppner.

In der Tagespflege als zweiter Säule der Betreuung bricht die Nachfrage ihr zufolge jedoch ein. 213 Plätze halten Tagesmütter im Landkreis vor, lediglich 153 Kinder aber betreuen sie derzeit. Die rückläufige Nachfrage zeichnete sich bereits seit 2012, als der Ausbau der institutionellen Einrichtungen Wirkung zeigte, ab. Warum Eltern Kindertagesstätten offenbar den Vorzug vor der Betreuung im privaten Umfeld geben, begründet Höppner mit der Sicherheit, die ein institutioneller Träger biete: Mehr Personal verhindere Ausfälle im Krankheitsfall, die bei Tagesmüttern allerdings auch geregelt sein muss. Einen anderen Grund macht Angelika Igel, Geschäftsführerin des Steiner Familienbüros, das im Auftrag des Landkreises Tagesmütter ausbildet und vermittelt, in der öffentlichen Wahrnehmung aus: Krippe und Kindergarten seien im Ortsbild präsent, eine Tagesmutter, die in der eigenen Wohnung ihrer Tätigkeit nachgehe, bleibe meist unbemerkt.

Nicht zuletzt sind die Präferenzen für die Betreuung unterm Dach von Kirchen oder anderen freien Trägern nach Einschätzung von Jugendamtsleiterin Ute Hallenberger auch darin begründet, dass der Besuch der Krippe in einer altersgemischten Einrichtung in der Regel auch den anschließenden Kindergartenplatz garantiere. 

Michael Bischoff, als Vorstandsmitglied der Diakonie Fürth Mitglied im Jugendhilfeausschuss, brach eine Lanze für die Tagespflege: Eines seiner Kinder ist von einer Tagesmutter betreut worden, „wir haben damit gute Erfahrungen gemacht“. Benötigten Eltern nur tageweise oder in Randzeiten Betreuung für ihren Spross, sei die Tagesmutter erste Wahl. 

Erste oder zweite Wahl — diese Klassifizierung wollte Dießl nicht unterstützen. Entscheidend sei die individuelle Situation der Eltern und die bestmögliche Lösung für das Kind. „Da gibt es keine erste oder zweite Wahl.“ 

Bedenken, im privaten Raum könnten Tagesmütter schalten und walten, wie sie wollten, sind nach Angaben Höppners unbegründet. Die Pflegepersonen seien sehr gut qualifiziert und würden vom Jugendamt unangemeldete Kontroll-Besuche erhalten. 

Als problematisch allerdings stuft Igel ein, dass die Tagesmutter keinen Schutz für die Nutzung ihrer Wohnung als Arbeitsraum habe. Untersage eine Eigentümer-Gemeinschaft etwa in einem Mehrfamilienhaus einer Tagesmutter die Betreuung von Kindern — laut Steins Kreisrat Bertram Höfer so erst unlängst in Deutenbach geschehen — „haben wir keine rechtliche Handhabe, da können wir nur vermittelnd eingreifen“, so Dießl. 

Sabine Diet