Nur Lückenbüßer?

Für die Kinder im Viertel ist sie nur die "Biba". Den Spitznamen hat einer ihrer Schützlinge kreiert, als er noch nicht richtig sprechen konnte. Marion Ziegler hat nichts dagegen, schließlich passt der liebevolle Kosename gut zu dem, was sie mit ihrer Arbeit bewirken will: ihren Tageskindern ein familienähnliches Zuhause zu bieten. "Für mich ist das, was ich hier mache, kein Beruf, sondern Berufung." Sie habe es bereut, sagt die gelernte Bauzeichnerin, dass sie diesen Weg nicht früher eingeschlagen habe.

Seit zwölf Jahren arbeitet die 55-Jährige als Tagesmutter und betreut in ihrem Haus in Thon bis zu fünf Kleinkinder gleichzeitig. Die Ein- und Zweijährigen wuseln durch das gesamte Erdgeschoss des Hauses und toben im Vorgarten über ihren eigenen Spielplatz. Vor allem aber haben sie ein Umfeld, das dem im eigenen Zuhause gleicht. Und anders als in einer Krippe, wo das Personal durch Schichtpläne und Urlaube wechselt, haben sie mit Marion Ziegler eine feste Bezugsperson.

Das schätzen vor allem die Eltern, die ihren Nachwuchs von Ziegler betreuen lassen. Sie habe sich bewusst für eine Tagesmutter entschieden, sagt Julia Liersch, die gerade ihren Sohn Tim abholt. "Hier sind nicht so viele Kinder, und es kann auf jedes einzelne individuell eingegangen werden." Schlafrhythmus, Speisepläne, Betreuungszeiten - das alles lasse sich flexibel regeln, sagt Liersch, die schon ihre mittlerweile sieben Jahre alte Tochter von Ziegler betreuen ließ.

Beim zweiten Kind habe sie über eine Alternative gar nicht erst nachgedacht, sagt die junge Mutter aus Ziegelstein, die im Direktmarketing einer Versicherung arbeitet. "Marion war eine der Ersten, die erfuhr, dass ich schwanger bin." Denn Zieglers Plätze sind begehrt, Liersch wollte rechtzeitig reservieren. "Eine Krippe wäre mir zu unpersönlich", sagt auch Klaudia Weigert, die ebenfalls schon ihr zweites Kind von Ziegler betreuen lässt. "Sie behandelt jedes Kind wie ihr eigenes Enkelkind."

Doch auch wenn sie wissen, dass viele Eltern ihr Angebot als Alternative zur Krippe schätzen, mit ihren Arbeitsbedingungen sind viele Tagesmütter nicht zufrieden. "Man steckt sehr viel rein", sagt Petra Langenbucher, die in Krottenbach Tageskinder zwischen neun Monaten und knapp drei Jahren betreut. "Ich mache es mit sehr viel Herzblut, anders funktioniert das auch nicht."

Dass sie teurer als eine Krippe sind und dass sie Geld verdienen, während sie gleichzeitig ihren Haushalt stemmen - mit diesem Vorurteil sehen sich die Betreuerinnen konfrontiert. Tatsächlich liegt der Elternanteil mit 290 Euro für einen Vollzeitplatz in einem ähnlichen Rahmen wie der Tarif vieler Krippen. Und zum Putzen, sagen Langenbucher und Ziegler, kämen sie während der Kinderbetreuung nun wirklich nicht. "Das erledigen wir abends und an den Wochenenden."

Rund vier Euro pro Stunde und Kind bekommen die Frauen, einen Teil der Kosten trägt das Jugendamt. Doch viele Arbeiten erledigen sie erst nach Feierabend, Einkäufe und das Vorbereiten der Mahlzeiten zum Beispiel. Das finden Ziegler und Langenbucher noch in Ordnung.

Doch von ihren Einnahmen müssen sie auch sämtliche Zusatzausgaben wie Windeln und Essen finanzieren. Und dafür, sagen auch ihre Kolleginnen Jessica Weiser und Gabriela Ostermann, reiche das Budget eigentlich nicht. "Wenn wir nicht ausgebucht sind, können wir überhaupt nichts zur Seite legen", sagt Ostermann. Dabei müsse sie doch auch für Reparaturen vorsorgen oder in Sachmittel investieren.

Nicht mal für ein Eis im Tiergarten dürfe sie Geld annehmen, sagt Sandra Wagner, die in Reichelsdorf Tagesmutter ist - noch. Denn sie wird voraussichtlich im Sommer aufgeben, weil sie derzeit nur zwei Kinder betreuen kann. "Von acht Euro pro Stunde soll ich dann auch noch das Essen bezahlen. Das geht nicht." Sie könne es ein Stück weit verstehen, so Wagner, dass einige Tagesmütter inoffiziell private Zuzahlungen fordern. Sie selbst will das nicht tun, den Eltern gegenüber sei es nicht fair.

Erlaubt sind solche Forderungen ohnehin nicht, wie Petra Kuch vom Familienbüro in Stein betont, das im Auftrag des Jugendamtes Tagesmütter vermittelt. Die Tagespflege müsse in puncto Gebühren mit den Krippen mithalten können, "die Eltern dürfen nicht willkürlich belastet werden".

Wenn, dann müsste das Jugendamt seinen Zuschuss erhöhen. Daran sei derzeit nicht gedacht, sagt der stellvertretende Amtsleiter Georg Reif. "Wir halten das jetzige Entgelt für angemessen." Die rund 1000 Plätze sind zu 70 Prozent belegt, die Quote solle weiter steigen, hofft auch die zuständige Koordinatorin im Amt, Imelda Bauer. "Die Tagespflege ist eine ganz wichtige Säule für uns."

Kinder wachsen ihnen ans Herz

Ein Bekenntnis, das die Betroffenen freut. Sie selbst haben manchmal das Gefühl, dort die Lücken schließen zu müssen, wo Krippenplätze fehlen. Trotz allem machen sie ihren Job aber gern - und fürchten eigentlich nur einen Moment: wenn die Kinder, die ihnen so ans Herz gewachsen sind, sich in den Kindergarten verabschieden.

Um die Vermittlung von Tagesmüttern kümmern sich in Nürnberg das Familienbüro in Stein und die Tagespflegebörse. Wer eine Pflegeerlaubnis vom Jugendamt erhalten will, muss einen mehrteiligen Qualifikationskurs besuchen, der von diesen Anlaufstellen organisiert wird. Beide Einrichtungen sind Ansprechpartner sowohl für suchende Eltern als auch für Tagesmütter (und die wenigen Tagesväter) und solche, die es werden wollen.

SILKE ROENNEFAHRT roe